Fachidiot 3. Kapitel Teil 4

Die Ellydre brachte nur leise ein Flüstern zustande und zeigte mit zittriger Hand auf den bewusstlosen Körper von Lauenstein.
Er hat ein Notizbuch in seiner Brusttasche. Und auf seinem Tisch sind auch Notizen. Wir müssen alles mit uns nehmen was er über mich in Erfahrung gebracht hat.“
Sie schaute sich in dem vollkommen verwüsteten Zimmer um und fuhr sich durch ihr Haar, wie war das alles nur geschehen? Wie war der Faulvarul hier in diese Welt gelangt?
Philipp kam mit allem zurück was sie ihm aufgetragen hatte und stopfte alles in einen Beutel der neben den Trümmern des Tisches lag. Gerade als er ihr wieder aufhelfen wollte verdrehten sich Lillys Augen, plötzlich ging ein Ruck durch den Raum und alles was sie herbei gerufen hatte, war verschwunden. Die riesigen Stechmücken, die Ranken und auch die tote Bestie, sowie der unerträgliche Gestank in der Luft.
Lilly!“ Er rüttelte an ihr, doch sie reagierte nicht. Jetzt erst als er sie berührte, merkte er wie trocken ihre Haut war, überall lösten sich feine Schuppen von ihr.
Xii fauchte ihn wütend an und sprang aufgeregt hin und her. „Sie braucht Wasser! So schnell wie möglich! Sonst stirbt sie!“
Er schob eine Hand unter ihren Kniekehlen durch, die andere schlang er um ihren Rücken, hob sie empor und rannte im nächsten Augenblick schon los.
Zwei Stufen der Kellertreppe nahm er auf einmal und wollte sich gerade auf die Suche nach dem Badezimmer machen, als er in der Ferne das Martinshorn vernahm. Natürlich, der Tumult und all die Schreie waren der Nachbarschaft mit Sicherheit nicht verborgen geblieben, er bleckte die Zähne und stürmte zu einer gläsernen Hintertür die er am anderen Ende des Erdgeschosses erblickt hatte.
Zumindest einmal war heute das Glück scheinbar wieder auf seiner Seite, die Tür war nicht abgeschlossen, und führte in einen dunklen Garten. Ungesehen quetschte er sich durch die dichte Hecke und rannte die wenigen Meter zu seinem Auto. Lilly platzierte er vorsichtig auf der Rückbank und startete den Motor.
So normal wie möglich fuhr er um die Kreuzung und kam am Haupteingang des schicken Einfamilienhauses vorbei. Etliche Nachbarn standen schon auf den Bürgersteigen und diskutierten miteinander. Ein Polizeiwagen parkte gerade am Straßenrand, er hörte wie einer von den beiden Polizisten die Anwohner fragte, wer denn wegen der Ruhestörung angerufen hatte.
Ein Stein viel ihm vom Herzen als er die Stadt endlich hinter sich lassen konnte, das Gaspedal drückte er nun ganz durch und der Motor des alten Kleinwagens rebellierte laut. Tief atmete er aus und drückte den Hinterkopf in die Stütze seines Sitzes.
Als ich die Sachen zusammen gesucht habe, habe ich bei dem Kerl kurz geprüft ob er noch Puls hatte. Auf jeden Fall hat er noch gelebt, dann haben wir vielleicht nicht so viel Ärger am Hals. Auf der anderen Seite...“, nervös kaute er auf seiner Unterlippe herum, „...wird er mich doch meiner Schwester zuordnen können. Unsere Adresse hat er auf jeden Fall. Ich weiß nicht was ich deshalb machen soll!“
Schweigen breitete sich in dem Innenraum des Autos aus, kurz warf er einen Blick über seine Schulter und sah wie Xii sich an die Wange von Lilly gekuschelt hatte und ihr vorsichtig über das Gesicht leckte.
Wieder biss er sich auf die Unterlippe und sendete ein Stoßgebet nach dem anderen hinauf. Ihm wurde bewusst dass das erst einmal seine kleinste Sorge sein würde.
Nicht mal eine halbe Stunde war vergangen, dann bog er bereits in die Einfahrt seines Elternhauses ein, an diesem Tag hatte er genug von Autofahrten in der sich jede Minute wie eine Stunde zog.
Die Haustür trat er hinter sich so feste in das Schloss dass das ganze Haus erbebte, auf dem schnellsten Weg rannte er hinauf in das Badezimmer und legte Lilly in die Wanne.
Xii war erstaunlich ruhig geworden und verfolgte ohne Einwände sein Handeln. Das Rauschen des Wassers als er den Hahn aufdrehte war wie Musik in ihren Ohren, sie hoffte inständig das es noch nicht zu spät war. Besorgt wanderte ihr Blick zu dem Fenster, die Nacht war erst angebrochen und die Sonne würde viel zu lange auf sich warten lassen.
Philipp setzte sich auf den Rand der Wanne und schöpfte immer wieder Wasser über das Gesicht von Lilly.
Behutsam strich er über den kleinen Ast auf ihrem Kopf der deutlich kürzer war als der andere. An der von Harz verklebten Schnittstelle hoben sich kleine Splitter ab. Sein Herz schmerzte als er sich vorstellen musste was dieser Kerl ihr angetan hatte. Ihm wurde schlecht vor Wut als er daran dachte mit welcher Euphorie er gesprochen hatte, als er von seinen Plänen erzählte. Das sie in die Hände eines solchen Teufels gelangen konnte, hätte er sich nie ausmalen können. Er scholt sich einen Narren so unaufmerksam gewesen zu sein, das er nicht gemerkt hatte das jemand die Heilung von Lilly hätte sehen können. Viel zu sehr hatte er sich an die Hoffnung geklammert seine Schwester retten zu können.
Bis zum oberen Rand war die Wanne voll gelaufen und er drehte den Hahn wieder zu. Eine Hand hatte er die ganze Zeit in ihrem Nacken liegen um sie über Wasser zu halten. Nichts tat sich.
Verzweifelt sah er Xii an, die sich bereits auch auf den Rand gesetzt hatte und Lilly stumm betrachtete.
Gibt es nichts was ich noch für sie tun kann?“
„Nein... nun hilft nur noch abwarten. Abwarten und hoffen.“
Minute um Minute vergingen ohne das die Ellydre sich regte. Heiße und kalte Schauer liefen über Philipps Rücken, zu allem Überfluss meldete sich auch jetzt noch sein schlechtes Gewissen. Von Anfang an wollte er sie einfach nur noch los werden, er wollte seinen langweiligen monotonen Alltag wieder haben. Auch in den letzten Wochen hatte sie ihn von früh bis spät genervt mit all ihren tausend Fragen, immerzu wollte sie irgendwas unternehmen.
Aber ein Teil von ihm hatte diese Abwechslung auch mit der Zeit gefallen, es hatte gut getan mal wieder unter Menschen zu kommen, was anderes zu sehen. Ihre heitere und unbeschwerte Art hatte alles so leicht gemacht.
Plötzlich bemerkte er wie sich etwas unter ihren geschlossenen Lidern bewegte, gespannt hielt er den Atem an bis sie endlich ihre grünen Augen wieder aufschlug.
Benebelt blinzelte Lilly einige Male und rollte mit dem Kopf zur Seite. Mit einem Lächeln nahm sie die vertrauten Gesichter um sich herum wahr.
Ihr könnt euch gar nicht vorstellen was ich für einen schrecklichen Traum hatte.“
Du bist wieder wach!“
Im nächsten Moment schlangen sich zwei Arme um ihren Hals und Philipp drückte sie fest an sich. Erst jetzt wurde sie sich all dem Wasser um sich herum bewusst, und auch das der Traum sich mehr nach einer realen Erinnerung anfühlte.
Ihre Stimme war so rau das es mehr wie das Krächzen eines Raben klang.
Über deine Zuneigung freue ich mich sehr, aber ich habe einen unsagbaren Durst...“
Sofort sprang Philipp auf die Beine und eilte zur Tür hinaus, im Rennen rief er noch das er ihr etwas zu trinken holen würde.
Etwas perplex betrachtete sie die Badewanne voll mit Wasser, das war doch schon mehr als sie trinken konnte. Gierig schöpfte sie ein paar Hände voll und stürzte es hinunter. Kurz schloss sie ihre Augen und atmete tief durch. Obwohl das Wasser lebensnotwendig war, schmerzte ihre ganze Kehle so sehr das es kaum zum aushalten war wenn sie auch nur einen Schluck nahm.
Etwas flauschiges schmiegte sich vom Wannenrand an ihre Wange, lächelnd blickte sie hinüber zu ihrer besten Freundin.
Xii. Geht es dir gut? Dieser Mann hat dir einen üblen Tritt verpasst, ich hatte solche Angst um dich.“
Ihr hattet in eurer Situation auch noch Angst um mich? Ihr seid wirklich unmöglich.
Als ich euch angekettet an diesen Stuhl sah, haben sich mir alle Haare aufgestellt. Am liebsten hätte ich diesen Menschen in Stücke gerissen.“ Betroffen senkte sich leicht ihr Kopf und sie schmiegte sich wieder an Lillys Wange.
Vergebt mir das ich euch nicht befreien konnte, als eure Leibwache habe ich kläglich versagt, obwohl ich einst einen Eid ablegte um Euch vor jedem Übel zu bewahren.
Diese Welt hat mir diese jämmerliche Statur gegeben und mich all meiner Kräfte beraubt.“
Eine nasse Hand streichelte ihr dankbar den Kopf und Lilly wollte gerade zu ein paar Worten ansetzten als Xii einen kleinen Sprung zurück machte.
Ihr hättet auf mich hören sollen! Dieses Mädchen zu retten war eine Torheit, Ihr habt dadurch viel Zeit eures eigenen Lebens aufgebraucht, schlimmer noch, Ihr hättet es beinahe diese Nacht verloren.
Ihr solltet langsam genug Eindrücke dieser Welt gesammelt haben und Euch wieder auf die Suche nach Morendras Stab konzentrieren.“
Xii... sei doch nicht immer so verärgert. Es ist meine Entscheidung wen ich heile, und wen nicht. Außerdem glaube ich noch immer das der Stab nicht gefunden werden will, und er es ist der zu mir kommt.“
Der kleine Fuchs plusterte sein Fell auf und fauchte leise.
Das kann nicht Euer Ernst sein! Diese Menschen sind schlecht, Ihr habt es am eigenen Leib erfahren! Er hätte Euch getötet aus lauter Gier! Das könnt Ihr nicht einfach so abtun! Wo ist Euer Pflichtgefühl, Eure Verantwortung eines ganzen Volkes gegenüber? Ihr flüchtet Euch in Träumereien statt den Stab zu suchen, so langsam glaube ich Ihr wollt gar nicht mehr zurück, sondern amüsiert euch viel lieber mit diesem dreckigen Menschenabschaum.“
Mit einem Satz sprang sie über das Wasser hinfort und landete anmutig auf den Badezimmer Fliesen, wütend starrte sie hinauf zu Lilly die lieber müde den Kopf in den Nacken legte statt eine Antwort zu geben. Das Schweigen machte Xii noch zorniger und sie nutzte die Gelegenheit um weiter zu wettern.
Na, wenn es Euch hier so gut gefällt dann bleibt! Bleibt in einer Welt die um euch herum stirbt und zugrunde gerichtet wird, das war nämlich das, was ich gesehen habe. Dieser Planet wird bis zum letzten Gut ausgeraubt, bis diese Menschen erkennen das sie all ihr Geld nicht essen können. Doch dann wird es zu spät sein!
Ich für meinen Teil werde den Stab Morendras suchen und dann dorthin zurück kehren wo ich hin gehöre.“
Kaum hatte der letzte Ton ihre Lippen verlassen, sprintete Xii los und warf keinen Blick mehr zurück. Da die Haustür nicht abgeschlossen war, war es für sie ein leichtes die Klinke mit einem Sprung zu erreichen und hinunter zu drücken. Ihre Kleine Gestalt verschwand in der Dunkelheit der Nacht.
Philipp, der sich oben im Flur an eine Wand gelehnt hatte, war stumm dem Streit gefolgt. Lauschen war normal nicht seine Art, aber er wollte die beiden auch nicht stören. Langsam ging er wieder hinunter um die Tür zu schließen, zurück im Bad fand er Lilly noch immer völlig schweigsam vor. Sie hatte den Kopf an den Badewannen Rand gelehnt und starrte an die Decke, man sah ihr die Erschöpfung der Nacht deutlich an.
Als er ihr die Wasserflasche hin hielt schenkte sie ihm ein dankbares Lächeln und seufzte bei seinem betroffenen Gesichtsausdruck.
Xii ist nicht immer so. In ihrer Brust schlägt ein gutes Herz, und ich muss ihr Recht geben. In der letzten Zeit habe ich immer weniger an die Suche nach dem Stab Morendras gedacht. Eure Welt kennen zu lernen war so aufregend, das ich alles was wichtig war vergessen habe. Oder seien wir ehrlich, ich habe es verdrängt.“
Philipp kniete sich neben der Wanne nieder und legte seine Arme in einer ineinander verschränkten Position auf dem Rand ab. Nach einer Weile der Stille schüttelte er den Kopf.
Ich weiß dass ihr viel an dir liegt, sie hatte sich auf der Suche nach dir große Sorgen macht. Sie erzählte mir das du für die Heilung meiner Schwester einen Teil deiner eigenen Lebensenergie hergegeben hast.
Warum hast du mir das nicht selbst vorher gesagt?“
Hätte ich es dir gesagt, hättest du dich dann anders entschieden?“
Ihre Gegenfrage, und der gelassene Blick mit dem sie ihn betrachtete, warf ihn völlig aus der Bahn. Fast schon beschämt senkte er den Blick, eine Antwort wollte er ihr darauf nicht geben, denn wenn er ehrlich war, wäre diese ein Nein gewesen.
Siehst du, es hätte deine Entscheidung nicht geändert, aber du hättest sie mit einem schlechten Gewissen fällen müssen, und dir unnötig Gedanken darüber gemacht. Das wollte ich eigentlich vermeiden.
Wen ich heile, und wofür ich meine Lebensenergie hergebe ist allein meine Entscheidung.“
Unbeholfen schob er seine Hände in die Taschen seiner Sweatjacke, wieder verging eine ganze Weile in der sie einfach nur still dasaßen. Philipp erhob sich langsam, und kratzte sich flüchtig an der Brust während er zu dem kleinen Fenster blickte, er war einfach niemand der sich gern mit langen Reden aufhielt, und schon gar nicht wenn sie so emotional waren wie diese.
Besser ich gehe Xii mal suchen...“
Bevor er sich weg drehen konnte umfasste Lilly sein Handgelenk, Wasser platschte auf die weißen Fliesen, in ihren Augen lag etwas flehendes.
Bitte bleib. Sie wird schon zurück kommen wenn sich ihr Gemüt abgekühlt hat.“, müde senkten sich ihre Lider und ein tiefer Atemzug erschütterte ihren Körper, „Heute möchte ich nicht mehr allein sein.“
Ohne ein weiteres Wort nickte er ihr zu und setzte sich wieder auf den Rand der Wanne, als er sicher war das sie einen tiefen Schlaf gefunden hatte, zog er sich den Sitzsack aus seinem Zimmer heran und ließ sich hinein fallen.
Für seinen Geschmack war das eindeutig wieder einer dieser Tage an denen viel zu viel geschehen war, und den man einfach nur vergessen wollte. Dennoch dauerte es eine ganze Weile bis auch seine Gedanken sich beruhigt hatten, und er nicht mehr alle paar Minuten nachsah ob Lillys Kopf noch oberhalb des Wassers war.

Sein Schlaf sollte alles andere als erholsam sein, Bilder von seiner mit Bandagen bedeckten Schwester, und Reißzähnen von denen giftiger Speichel troff, verfolgten ihn die nächsten Stunden.
Ganz langsam dämmerte Philipp dem Wachsein wieder entgegen, einige Zeit war vergangen, das Licht des Morgens erhellte den Raum bereits vollkommen, dennoch kam es ihm vor als wären nur Minuten vergangen.